.pap-Dokumente taggen – braucht man das?

Ich habe mir ein kleines Modul geschrieben, mit dem ich innerhalb meines Romantextes in Papyrus Tags setzen kann. Was das ist und wozu es gut sein soll, das erkläre ich hier.

paptagger Teil 1 – Was, wieso und wozu?

Wozu sollte man etwas in seinem Roman taggen wollen?

In nahezu allen Schreibratgebern wird zum Plotten geraten. Und in nahezu allen Foren lese ich von Leuten, die mit dem Plotten Probleme haben. Zum Glück für uns chaotische Hobby-Autoren gibts ja die Autobiografie „Über das Schreiben“ von Steven King.

Der Typ ist ein Chaot. Meiner Erinnerung nach schließt er sich drei Monate lang in einen Raum ein, lässt den Rollladen runter, hört Heavy Metal und schreibt einfach drauflos. Gut. Ein grobes Ende hat er wohl schon im Kopf, aber sonst eher wenig. Lassen wir den Rollladen mal weg und auch die Heavy-Metal-Musik, denke ich, dass wir beide mit einem ähnlichen Chaotik-Koeffizienten starten.

Plan gegen Intuition

Was bedeutet dies nun in der Praxis? Schauen wir mal in meinen Mafia-Roman, den ich dieses Jahr gern veröffentlichen möchte und von mir aus auch in meinen Fantasy-Roman, an dem ich sicher noch eine Weile schreiben werde.

Pia ist meine Lieblingsfigur in meiner Mafia-Geschichte. Sie war nicht geplant. Ihr Freund Tim war geplant. Ein Straßenpunkt, immer gut drauf, immer Leute kennend, immer einen Ausweg wissend sollte er als kleines Sonnenscheinchen durch die Geschichte führen. Und an irgendeiner Stelle brauchte ich eine Freundin für Tim. Nein, noch nicht einmal für ihn. Ich musste Lisa beschäftigen. Lisa ist … ach, egal.

Plötzlich war sie jedenfalls da: Pia. Ich lag nächtelang grinsend wach. Ihre Vorstellungsszene machte mich glücklich, als hätte ich ein Tor geschossen. Und im Gegensatz zu den geplanten Figuren brachte Pia in mir eine Inspiration nach der anderen. Dabei hatte ich zu Beginn für Pia nicht mal ‘ne Haarfarben festgelegt. Am Ende hatte sie sich eine Hauptrolle erstritten. Und die hat sie auch verdient.

Andere Geschichte, andere Leute. Mein Fischer Tana folgt in meiner Fantasygeschichte einer sonderbaren Flaschenpost und landet auf einer Insel mit einem paranoiden Volk. Er hört von ihnen, hält sich von deren Gebiet fern, wird aber trotzdem aufgegriffen, eingesperrt, gefoltert und verhört.

Eigentlich brauchte ich nur jemanden, der den armen Kerl vor dem bösen Inquisitor rettet, der – ups – leider so paranoid war, dass ich ihn nicht mal als Autor davon hätte abbringen können, meine eigentliche Hauptrolle über einem Petroleumkocher zu grillen.

In meiner Verlegenheit kreierte ich einen Chef für den Inquisitor: König Yanhardt. Dieser König Yanhardt sprach in der gleichen paranoiden Art, wie sein Inquisitor und eigentlich auch wie sein komplettes Volk. Nur bei ihm klang es nicht paranoid, sondern „königshaft“. Die verschrobene Art zu reden, war ihm wie auf den Leib geschneidert. Er konnte sogar Scherze damit machen.

Was soll ich sagen: Auch König Yanhardt hatte zu Beginn noch keine Haarfarbe, aber heute ist er neben meinem Fischer Tana eine Hauptrolle. Ohne ihn wäre die Geschichte nur halb so interessant.

Wir stellen also fest: Es gibt bei einem Roman Dinge oder Personen, die nicht von Anfang an eingeplant sind, bei denen es sich aber lohnt, seiner Intuition zu folgen und sie in die Geschichte zu holen, wenn man merkt, dass sie das Salz in der Suppe sind.

Das Ungeplante verwalten

Was geschieht nun mit einer solchen Statisten-Figur, die quasi ihre Beförderung zur Hauptrolle erstreitet? Zu Beginn stellt man als Autor zunächst einmal fest, dass man eine Statistenrolle gut findet. Keineswegs reden wir von Liebe auf den ersten Blick. Pia, wie auch Lukas, Tanja oder in der Fantasygeschichte König Yanhardt, die Fee Chaira, der Kobold Kox und die Sondra-Prophetie waren zunächst einmal nichts anderes als Statisten oder Platzhalter.

In meiner Figurendatenbank habe ich dem Rechnung getragen, indem ich ein gesondertes Feld eingefügt habe. In diesem Feld sammelte ich Einführungsszenen der jeweiligen Figur. So wusste ich, was denn schon über diese Figur gesagt worden war und konnte entsprechend reagieren und sie weiter ausbauen.

Zu blöd: Nico hieß zu Beginn noch Alex und das ist längst nicht alles, was an den Zitaten rechts nicht angepasst wurde.

Aber wie es so ist mit statischen Feldern: Meine Geschichte entwickelte sich, aber die Einträge meiner Figuren-Datenbank nicht. So saß ich nun da und sinnierte, wie cool es sein müsste, wenn man Textabschnitte aus dem Romantext einfach über Tags auslesen könnte, um sie später in einer gesonderten Tabelle zusammenzustellen. Also quasi alle wichtigen Einführungsszenen zu Pia – alles, was ihr Aussehen, ihren Charakter, Vorbildung, Einstellungen oder was auch immer beschreibt.

Wenn nun weiter hinten in meiner Geschichte etwas zu Pias „ich“ zu ergänzen wäre, könnte ich ganz einfach auf diese getaggten Stellen zurückgreifen und an ihr weiter schleifen. Denn interessanterweise entwickelt sich eine Figur in Gedanken weiter. Aber das, was sich da entwickelt, deckt sich keineswegs immer mit dem, was man zu ihr schon zu Papier gebracht hat.

Da ich nun mein bisher Geschriebenes ohnehin immer wieder lese – ich überbrücke dadurch Schreibblockaden und erhalte neue Inspirationen –, kann ich solche Figuren oder Dinge dann auch einfach taggen.

Taggen ohne Perfektionismus

Nun sollte man mich nicht falsch verstehen. Wer alles und jeden in seiner Geschichte taggen will, macht bald nichts anderes mehr. Es geht nicht darum, perfektionistisch alles zu taggen, was taggbar ist. Es geht um eine Arbeitshilfe. Ich gebe zu, dass der Übergang dazu fließend ist. Aber einen solchen Übergang haben wir ja überall im Leben.

Beispiele für sinnvolles Taggen mit dem paptagger

Mit einem relativ einfachen Code – {Pia:Erster Auftritt} – kann ich einen Textabschnitt Pia zuordnen. Später wird dieser Abschnitt in eine Datenbank extrahiert, wo ich einfach darauf zugreifen kann. Die Tags bleiben im EPUB unsichtbar, allerdings nicht, wenn ich meinen Text als HTML exportiere. Aber das braucht man wahrscheinlich seltener.

Im Lauf der Zeit entstanden verschiedene Arten von Akten. So habe ich die über meinen paptagger herausgezogenen Stellen einmal genannt.

Übersicht der mit paptagger erstellten Akten
Relativ übersichtlich sehe ich hier alle offenen Baustellen meines Fantasyromans. Auf Knopfdruck kann ich mir die dazu getaggten Textstellen anzeigen lassen.

Personenakte

Einige wichtige Stationen in Pias Leben (soweit sie im Roman beschrieben werden), kann ich also einfach taggen und später übersichtlich untereinander angezeigt bekommen, wenn ich an der Person Pia feilen möchte.

Es ist dabei möglich, dass alle Textstellen einzeln in der Datenbank aufgeführt werden oder dass alle zusammen später in einer Tabellenzeile stehen.

Themenakte

Die Themenakte ist der Personenakte ähnlich, aber für etwas Abstraktes. Mir fallen dazu meine Sondra-Prophetien ein, die ich über 1000 Seiten in meinem Fantasyroman verteilt habe. Immer wieder werden diese Prophetien erwähnt, diskutiert, interpretiert und natürlich auch zitiert.

Blöderweise entwickelt man ich ja beim Schreiben weiter und die Dinger sind teilweise in Reimen abgefasst. Wäre ja nun blöd, wenn man einen Reim verbessert, aber dessen Sinn so entstellt, dass er nicht mehr zur Textstelle passt, in der er interpretiert wird.

Wäre auch blöd, wenn man den Reim an einer Stelle verbessert, aber an anderen Stellen nicht. Wie soll man da überhaupt den Überblick behalten. Die Sondra-Prophetie ist lang und steht keineswegs überall vollständig.

Man ahnt es schon: Taggen ist die Lösung. Zwei Klicks und ich sehe alle Stellen übersichtlich untereinander. So kann ich später alles miteinander synchronisieren, ohne die Krise zu kriegen.

Beziehungsakte

Wirklich zu blöd. Da streiten sich Ritter Riban und mein Fischer Tana. Beide sind jung – vielleicht so um die zwanzig. Und sie streiten sich per du. Reden sich die beiden tatsächlich mit du an und nicht mit dem für Fantasy typischen „Ihr“?

Man sollte glauben, wenn man sich einmal die Mühe gemacht hat, dies zu recherchieren (bei 1000 Seiten gar nicht so einfach), dass sich dieses Wissen nun halten würde. Weit gefehlt. Insgesamt drei Mal hab ich „geprüft“, um es bis zur nächsten Konsultation der entsprechenden Stelle wieder vergessen zu haben. Inzwischen gibt es eine Beziehungsakte. Darin kann ich sehen, wann sie wie miteinander gesprochen haben (was selten war).

Kein Perfektionismus an dieser Stelle bitte. Es geht nicht darum, nun für alle Beziehungen aller Figuren eine Akte anzulegen. Aber wenn man so unsicher ist, dass man eh recherchieren muss – warum nicht einfach mal ein Tag setzen. Denn meiner Erfahrung nach überschätzt man das eigene Gehirn gern. Und einige Zeit später sitzt man vor genau der gleichen Frage und kann sich nicht einmal mehr erinnern, ob man damals wirklich zu Ende recherchiert hatte, oder ob die Prüfung, wie sich die beiden ansprechen, vielleicht damals einfach vergessen wurde.

Aufgabenakte

Wenn es eine Sache gibt, die ich mir bei Papyrus wünsche, dann ist es eine Aufgabenliste. Sicher – ich kann Kommentare setzen und finde die dann im Navigator. Aber der ist bei mir in Teile, Kapitel und Szenen untergliedert und mein Fantasyroman hat inzwischen über 1.000 Seiten. Wie bitte soll ich da einen vernünftigen Überblick über alle offenen Probleme erhalten?

Mein Eindruck ist, dass Papyrus diese Art von Überblick nicht für nötig hält. Man geht davon aus, dass jemand sein Dokument nimmt und es von vorn bis hinten Kommentar für Kommentar durchgeht. Und dass dieser jemand dann auch einen Kommentar nach dem anderen fallabschließend abarbeitet.

Eine solche Vorgehensweise ist sicher bei reinen Textaufgaben realistisch. Wenn es sich einfach nur darum dreht, etwas „schöner“ zu formulieren – alles klar. Aber wie geht man mit sachlichen Fehlern um? Wie geht man um mit Unklarheiten, bei denen eine aufwendige Recherche nötig ist? Wie geht man mit einem Kommentar um, der besagt, dass einem gerade sein vorgedachter Schluss um die Ohren fliegt.

Ist es unrealistisch, dass so etwas passiert? Also bei meinem Mafiaroman hat sich das Ende gegenüber der ursprünglichen Planung völlig verändert. Meiner ersten Planung nach sollte mein Fantasyroman gesellschaftskritisch enden. Um Seite 500 herum fragte ich mich dann, ob ich wirklich will, dass meine Leser dieses Buch nach ca, 1.300 Seiten mit nachdenklichem oder betroffenem Gesicht zur Seite legen. Nein, ich möchte, dass sie die letzte Seite gut gelaunt zuklappen und sagen: „Mensch, schade, dass es vorbei ist.“ Also – neues Ende und jede Menge Baustellen.

Wie ist es aber nun bei solchen Baustellen. Will man die wirklich der Reihe nach bearbeiten? Ich zumindest möchte das nicht. An einigen Lösungen muss ich lange knabbern, bis die gefundenen Lösungen mich zufriedenstellen. Und manche Probleme müssen eben einfach reifen. Nur, um reifen zu können, müsste man halt gelegentlich sehen, dass es sie gibt. Dazu braucht man eine Draufsicht und die liefert – wie schön – die Aufgabenakte.

Plötzlich kann ich genau sehen, was in meinem Roman noch OFFEN ist, welche Stellen ein PROVISORIUM darstellen, von dem ich hoffe, dass mir vielleicht noch etwas Besseres einfällt. Oder was zu SYNCHRONISIEREN ist – also Stellen, die gleiches oder ähnliches beschreiben und bei denen irgendwann mal geschaut werden muss, dass sie auch das gleiche aussagen.

Wie geht es nun mit dem Taggen – Fortsetzung folgt

Und nun, da wir alle mit dem Wissen ausgestattet sind, wozu man in seinem Roman Stellen taggen sollte, freuen wir uns auf den Fortsetzungsbeitrag hierzu. In der nächsten Folge beschreibe ich, wie das Taggen im eigenen Dokument funktioniert.

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